Die evangelische Kirche in Bolheim

von Pfarrer Manfred Reyle (Kurzfassung)

 

Inmitten des alten Dorfes, an seiner höchsten Stelle, erhebt sich unsere schöne Kirche.
Mit der Einführung der Reformation im Herzogtum Württemberg ist sie 1536 evangelisch geworden; doch geht sie in vorreformatorische Zeit zurück. Im Chorbereich ergrabene Fundamente weisen in das 11./12. Jahrhundert; die untere Hälfte des Chorturms stammt noch aus dieser Zeit. An diesen wurde in der Spätgotik eine dreiseitige Apsis angefügt; das Kirchenschiff in der frühen Neuzeit verbreitert. Ihre heutige Gestalt verdankt die Kirche aber einem Umbau von 1780.
Heute zeigt die Bolheimer Kirche jenen schlichten "evangelischen" Barock, den es neben den grossen katholischen Kirchen dieser Zeit, z.B. in Neresheim und Dischingen, vor allem auf der Ostalb gibt.
In ihrem Innern wurde die Kirche zuletzt 1991 renoviert; dabei erhielt sie ihre lichte Erscheinung und etwas von ihrer ursprünglichen Leichtigkeit zurück.

Der Chorraum

Hätte man die Kirche 1780 neu errichtet, hätte sie keinen Chor erhalten. Engmaschige Holzgitter zu beiden Seiten der Kanzeltür hielten ihn bis 1956 sogar den Blicken fern. Bei der Renovierung 1991 jedoch wollten wir den schönen Raum mit seinen schlichten Kreuzgratgewölben und dem Spiel von Licht und Schatten wiedergewinnen. Im mittelalterlichen Kirchenbau steht der Chorraum für den Ort der Auferstehung, des ewigen Lebens, der neuen Schöpfung in Gottes Gegenwart. Feiern wir das Heilige Abendmahl, so feiern wir es in der Regel hier, den Altar in der Mitte.

Das Kreuz auf dem Choraltar ist ein Geschenk unserer Thüringer Partnergemeinde Waltersdorf bei Greiz zur Wiedereinweihung der Kirche 1991. Geschnitzt hat es Elly-Viola Nahmacher (1913-2000) aus Greiz.
Das Chorfenster hat Michael Münzer (1955-2001) aus Gerlingen geschaffen. Es sollte nicht in Konkurrenz zum Kruzifix am Hauptalter treten und deshalb abstrakt gestaltet werden. Sein Thema ist der Ausrichtung des Kirchenraums entsprechend: Ostern. Der Künstler hat es zusammen mit dem Karfreitag darstellen wollen. Die violetten Klammern am Rand wollen beide Wirklichkeiten zusammenhalten: Das ist die Aufgabe der Kirche wie der Sinn unserer Hinwendung zu Gott. Violett ist die Farbe der evang. Landeskirchen und der Zeiten der Buße im Kirchenjahr. Im übrigen dürfte sich die Aussage des Fensters eher von den Farben her erschliessen als von den Formen her.
An den Seitenwänden des Chores die schon erwähnten Darstellungen der Evangelisten mit ihren Symbolen. An der Wand zur Sakristei Markus (Löwe) und Lukas (Stier); gegenüber Matthäus (Engel) und Johannes (Adler). Auf dem Matthäus gewidmeten Bild hat der Vorgang der Inspiration in besonders schöner Weise Ausdruck gefunden.
Neben der Sakristei der Gedenkstein für Abt Johannes Agricola (Bauer). Er befand sich früher im Kreuzgang der Klosters Anhausen, dessen letzter Abt vor der Reformation Agricola war. Das Sterbedatum ist nicht mehr eingesetzt worden.
Gegenüber ist die Grabplatte für eine 1538 verstorbene adelige Frau in die Wand eingelassen. Die Inschriftenkommission der Heidelberger Akademie der Wissenschaften hat jetzt die Wappen identifiziert. Demnach handelt es sich um eine geborene von Brandenburg (nicht Brandenburg-Preußen), die mit einem von Frauenberg verheiratet war, vermutlich Eberhard dem Älteren in Talheim/Kreis Heilbronn. Niemand weiss, wie ihr Grabstein (und Grab) nach Bolheim kam. 

 

Im Kirchenraum

Unsere Kirche ist nach Osten ausgerichtet. Betreten wir sie durch den Haupteingang, dann richten auch wir unseren Blick auf die Sonne, die im Osten aufgeht und ein Symbol für Christus ist, den vom Tod auferstandenen und am Ende der Zeit wiederkommenden Herrn.
Die Emporen an den beiden Längsseiten des Kirchenschiffes unterstreichen diese Ausrichtung. Beherrschend ins Blickfeld tritt aber die große Kanzel. 1780 wurde sie in den Chorbogen eingestellt. Ihr eignet eine ganze Theologie: Der Pfarrer, der sie betritt, steht unter dem Evangelium, das er verkündigen soll. Aber es ist der im Bild der Taube dargestellte Heilige Geist, der macht, dass er das kann und
dass die Botschaft die Herzen der Menschen erreicht. Doch stehen die Zehn Gebote über allem. Es sind aber Engel da, die sie umspielen und alles ein wenig leichter machen. Stilistisch gehört die Bolheimer Kanzel mit ihrem Zierrat der Spätstufe des Barock, dem Rokoko, an. In ihrer Architektur kündigt sich jedoch bereits der Klassizismus an.
Der Taufstein stammt im unteren Teil noch von 1681; vermutlich wurde er von Schultheiss Hans Leonhardt Botzenhardt (= Inschrift: "SHLB") gestiftet. Ursprünglich stand er im Schnittpunkt aller Eingänge.
Den Südeingang fassen jetzt die Darstellungen Aarons (als Hoherpriester) und Moses (mit den zehn Geboten) ein. Sie gehören ursprüglich zu den Bildern der Evangelisten im Chor; mit ihnen zusammen vertreten sie Altes und Neues Testament.
Eindrucksvoll ist das Kruzifix am Altar, auf das der Mittelgang der Kirche zuführt. Es stammt noch aus gotischer Zeit (um 1500) und ist nicht nur das älteste, sondern auch das wertvollste Kunstwerk unserer Kirche. Bis 1956 stand der Altar vor der Kanzel.

 

 

Kloster Anhausen

Auf der Gemarkung der Kirchengemeinde Bolheim befindet sich das ehemalige Kloster Anhausen. Über dessen Geschichte können Sie sich mit Hilfe des Flyers im PDF-Format hier informieren:

 

Die Geschichte des Klosters Anhausen

Der wohl bedeutendste evangelische Prälat in Anhausen war Magnus Friedrich Roos (1784-1803), der die meisten seiner über 60 Schriften in Anhausen verfasste. 

Unter der Adresse www.magnus-friedrich-roos.de können Sie sich über diesen bedeutenden württembergischen Theologen, Seelsorger, Prälaten, Landtagsabgeordneten und ehemaligen Bewohner des Klosters informieren. Ein Freundeskreis hält die Erinnerung an ihn wach.